16.08.2017

Rückzug




Mein Herz ist erkaltet. Auf meiner Seele wächst Hornhaut. Ich möchte mich freuen, doch ich erstrahle nicht. Ich möchte so gerne trauern, doch ich weine nicht. Ich möchte Zorn erleben, doch ich wüte nicht. Ich möchte mich selbst verletzen, doch ich spüre nichts.


Welchen Sinn hat also mein Leben, wenn ich all das nicht erleben kann, was den Gefühlen anderer unterstellt wird? Welchen Sinn hat es, eine Marionette zu sein, deren Fäden sich irgendwo im Nebel verlieren? Was soll ich antworten, wenn ich meinen Puppenspieler nicht sehen kann?


“Doch du musst nur glauben, dann wirst Du glücklich sein. Das Gesetz der Anziehung kann dir unermesslichen Reichtum verschaffen. Der Reichtum des Universums ist unermesslich, du musst nur um etwas bitten. Glaube an dich selbst und an deine innere Kraft.” Ja, das habe ich alles versucht. Mit Inbrunst. Offenbar ist das Universum mittlerweile genauso erschöpft, wie ich es bin. Also bleibt mir weg, Ihr Freizeitesoteriker, Auraseher und Positivdenker mit euren tollen Ratschlägen. Einen Glauben, der über Dekaden nicht funktioniert, kann man nicht festigen.


Und nun? Ich lebe. Aber es fühlt sich nicht so an. Und doch bin ich getrieben von zwei Senhsüchten, die mich nicht mehr rasten lassen. Ich sehne mich nach Stille, wie nie zuvor. Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, wenn man in einer Großstadt lebt. Und ich sehne mich nach Minimalismus. Nach Aufräumen. Nach Ordnung im Innen und Außen. Weg vom Chaos. Ich sehne mich danach, all das loszulassen, was mir ohnehin nichts bedeutet. Doch was bleibt dann am Ende?


Ich mit mir allein. Ein undankbarer Freund. Fordernd. Perfektionistisch. Rücksichtslos.


Doch vielleicht sehe ich dann klarer.